Un_erhört. Wie sich die Vulva heute Gehör verschafft! | Rudolf-Scharpf-Galerie | Ludwigshafen am Rhein | 2024

Un_erhört. Wie sich die Vulva heute Gehör verschafft!

Gruppenausstellung  in der Rudolf-Scharpf-Galerie des Wilhelm-Hack-Museums
Ludwigshafen am Rhein, Hemshofstraße 54.
Ausstellungsdauer: 11/11/ – 15/12/2024
Anne Hörz / Kuratorin
„Wie sich die Vulva heute Gehör verschafft! versammelt daher zeitgenössische Künstler*innen, vorwiegend aus Deutschland, Österreich und der Schweiz, die sich der positiven Wiederaneignung und Sichtbarmachung der Vulva verschrieben haben. Über Themenkomplexe wie Empowernment, Sexualität, Menstruation, Kulturhistorie und Identität reihen sich die künstlerischen Positionen in den bereits jahrhundertelang andauernden Prozess der Aufwertung und Wiederaneignung der Vulva ein, mit dem Ziel Scham und Tabu zu reduzieren und empowernde Momente zu schaffen“.
Mit Arbeiten von Zara Alexandrova, Amae, Pascale Eiberle, Christiane Fichtner, Sophie Fladt, Bob Jones, Petra Mattheis, Zoë Claire Miller, Rosa Roedelius, Helga Schager, Marina Stiegler, Sophia Süßmilch, Myriam Thyes, Michelle Verhoeks, Betty Wimmer.

Dokumentation der Ausstellung: DorfTV Linz

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Beitrag: Helga Schager
„Die verbotene Frucht oder die sündige Vulva“
Installation | 3-teilig, 2024 / Stencil.Art auf Mullbindengewebe
á 51 x 49 cm (DemoSchild), Gesamthöhe inkl. Holzleiste = 193 cm

Die Künstlerin Helga Schager ruft mit ihrem Werk „Die verbotene Frucht oder die sündige Vulva“ zur Beteiligung an einer Neuinterpretation des Weiblichen auf. 
Sucht man nach soziokulturellen Gemeinsamkeiten der großen Weltreligionen, sticht vor allem die untergeordnete, fremdbestimmte Rolle der Frau heraus. Heilige oder Hure, Reinheit oder Schmutz; Grauzonen oder Spielraum zwischen den beiden Extremen existieren nicht. Und: Geschichten und Geschichte wird zum großen Teil von Männern für Männer verfasst, auch, der auf patriarchalem Boden gesäte christliche Schöpfungsmythos.

Gebären sollst du
Widersprüchlich – und dennoch unwidersprochen! – ist das Gebot, Kinder zu gebären einerseits und die Konnotation der Vulva und Menstruation als etwas Schmutziges, Unreines. Ausgerechnet der Teil des weiblichen Körpers, der für die angebliche Kernaufgabe der Frau geschaffen ist, gilt gleichzeitig als gefährlich und verdorben.

 

 

 

 

 

 


Feministischer Aktivismus

Helga Schagers protestierende Vulva-Äpfel vertreten ein neues, kraftvolles Narrativ. Bei ihr ist Eva, die in der Bibel auf eine Rippe Adams reduziert, schwach, verführbar UND noch dazu Verführerin dargestellt wird, ein eigenständiges Individuum, wertvoll, aktiv und selbstbewusst in ihrem Sein als Frau. Vertreibung aus dem Paradies durch einen machtbesessenen und despotischen Gott? Dann schaffen wir uns eben ein eigenes Paradies!



The Medium is the Message

Simone de Beauvoir fand deutliche Worte: „Frauen, die nichts fordern, werden beim Wort genommen – sie bekommen nichts.“ Diese Aussage findet sich in der Form des Werkes bestätigt. Die Demonstrationsschilder rufen dazu auf, sich gemeinsam Gehör zu verschaffen, laut zu sein, die Rolle der passiv abwartenden, fügsamen Untergebenen abzuwerfen. Das Trägermaterial der Vulva-Äpfelchen, ein Gewebe aus Mullbinden, symbolisiert die Verletzlichkeit sowie die tatsächlichen Verletzungen, die Frauen im Zuge patriarchaler Gewalt zugefügt werden. Gezielte Vergewaltigungen im Zuge von Kriegen, Herabwürdigung in der Alltagssprache oder systematische Opfer-Täter-Umkehr sind indiskutabel – und dennoch so präsent wie eh und je.



Wie im Himmel, so auf Erden

Ebenfalls bewusst gewählt ist die Anzahl der Schilder. So ist die Zahl Drei in diesem Kontext als Anspielung an die Heilige Dreifaltigkeit, den Vater, den Sohn und den Heiligen Geist, zu verstehen. Die Frau: Eine Leerstelle, nicht einmal „mitgemeint“. Trauriges Spiegelbild der im Himmel herrschenden Strukturen ist die aktuelle Weltpolitik, die von einer Handvoll gewaltbereiter Despoten bestimmt wird.

Text: Johanna Wurzinger / Autorin

Fotos: Helga Schager, Herbert Schager
Beitragsbild: Die sündige Vulva auf Händen tragen“ | 2020 | Foto: Rebekka Hochreiter